„Wir sind die Ameise unter den Elefanten“

Porträt von Simon Schmitt, Head of Supply Chain Operations bei Alnatura
Im Interview spricht Simon Schmitt, Head of Supply Chain Operations bei Alnatura, darüber, warum Logistikimmobilien heute stärker vom Betrieb und von der Verantwortung her gedacht werden müssen.

Wie nachhaltig kann ein Logistikstandort sein und was bedeutet das über die Energieeffizienz hinaus? Für Alnatura reicht die Antwort von der Flächenwahl über das Baumaterial bis zu den Arbeitsbedingungen der Fahrer. In Groß-Rohrheim entsteht derzeit ein neues Logistikzentrum, das genau das unter Beweis stellen soll: Brownfields statt grüner Wiese, Holzfassade statt Standardpaneele, Biotope statt Betonwüste.

Herr Schmitt, was muss ein Logistikstandort heute aus Sicht von Alnatura leisten?

Der wichtigste Punkt ist: Ein Standort sollte zu unserem Netzwerk passen. Alnatura hat eine bestimmte Vertriebsstruktur und daran muss sich jede Standortentscheidung messen lassen. Es reicht nicht, dass eine Fläche verfügbar ist oder verkehrstechnisch gut liegt. Sie muss unsere Beschaffungs- und Distributionsprozesse sinnvoll unterstützen und uns zugleich die Möglichkeit geben, uns langfristig weiterzuentwickeln. Es bringt nichts, wenn ein Grundstück eigentlich gut liegt, aber 10.000 Quadratmeter zu klein ist. Genauso wenig hilft eine Fläche, die viel zu groß ist und operativ nicht effizient genutzt werden kann.

Gibt es Kriterien, die Ihnen besonders wichtig sind?

Es ist immer eine Abwägung. Den perfekten Standort bekommt man als Logistiker heute kaum noch. Dafür ist die Flächenverfügbarkeit schlicht zu angespannt. Für uns kam in Groß-Rohrheim ein weiterer Aspekt hinzu, nämlich die Nähe zu Lorsch. Dort befindet sich heute unser hochautomatisierter Trockenstandort. Künftig sollen beide Standorte eng verzahnt zusammenarbeiten, weshalb sie nicht zu weit auseinanderliegen dürfen. Sonst entstehen zusätzliche Fahrten, schlechter ausgelastete Lkw und am Ende genau die Effekte, die man vermeiden will.

Warum ist dieses Zusammenspiel so wichtig?

Zurzeit kommt beispielsweise Ware aus Italien mit einem vollen Lkw nach Lorsch. Es wäre wenig sinnvoll, künftig zwei halbvolle Lkw fahren zu lassen – einen nach Lorsch und einen nach Groß-Rohrheim. Deshalb müssen wir Beschaffungsstrukturen so steuern, dass keine Leerkilometer entstehen. Auch operativ greifen die Standorte ineinander. Perspektivisch wird ein großer Teil der manuellen Abwicklung nach Groß-Rohrheim gehen. Gleichzeitig müssen Warenströme aus der Automatisierung später wieder gebündelt werden. Durch die kurze Distanz können beide Standorte effizient zusammenspielen. Das zeigt exemplarisch, was für viele Logistiker gilt: Standortentscheidungen können nicht isoliert getroffen werden. Sie müssen das gesamte Netzwerk im Blick haben.

Holzfassade eines Logistikzentrums
Für mehr Nachhaltigkeit: Holzfassaden spielen für Alnatura eine große Rolle

Steigende Miet-, Energie- und Personalkosten setzen viele Unternehmen unter Druck. Spüren Sie das bei Ihren Immobilienentscheidungen?

Ja, deutlich. Der Kostendruck ist real und er verändert, wie wir über Flächen nachdenken. Eine Immobilie muss heute aktiv zum Business-Case beitragen, durch Energieeffizienz, durch sinnvolle Flächennutzung, durch Planungssicherheit. Für uns ist das ein Kriterium bei der Wahl eines Partners: Wir wollen jemanden, der unsere betrieblichen Anforderungen von Anfang an kennt und vor allem mitdenkt.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Ihren Flächenentscheidungen?

Eine sehr große. Wir suchen nach Möglichkeit Standorte, bei denen wir nicht zwingend auf der grünen Wiese bauen müssen. Das geht nicht immer. Aber wenn die Logistikimmobilie auf einem Brownfield entwickelt werden kann, ist das für uns ein klarer Pluspunkt. Solche Flächen bringen allerdings auch Herausforderungen mit sich. Man weiß nie genau, was auf einem Grundstück früher passiert ist. Es kann Kampfmittel geben, Belastungen im Erdreich oder Probleme mit dem Grundwasser. Trotzdem lohnt sich der Aufwand, denn grundsätzlich ist es sinnvoller, bereits genutzte oder versiegelte Flächen neu zu entwickeln, statt immer neue Flächen in Anspruch zu nehmen.

Und konkret für die Immobilie? Welche Nachhaltigkeitskriterien setzen Sie an?

Energie ist ein wichtiger Bestandteil, aber es kommt auf weit mehr an. Wir versuchen deshalb, Immobilien immer ganzheitlich zu betrachten. Das sieht man an unserem Verteilzentrum in Lorsch, das zu den großen Holzhochregallagern gehört, oder auch an unserer Unternehmenszentrale in Darmstadt, einem großen Büro-Lehmbau. Uns geht es nicht darum, ein paar sichtbare Elemente einzubauen und dann von Nachhaltigkeit zu sprechen. Wir wollen, wo immer möglich, bessere Lösungen finden. Das kann eine Holzfassade sein, die besser recycelbar ist als klassische Blech-Sandwich-Paneele. Oder ein Beton, der in der Herstellung weniger CO₂ verursacht. Viele dieser Punkte sind später nicht auf den ersten Blick erkennbar, aber sie ergeben einen Unterschied.

Was bedeutet das für die Gestaltung der Außenflächen?

Aurelis baut in Groß-Rohrheim eine rund 30.000 Quadratmeter große Halle für uns. Das ist ein Eingriff in die Natur, und das muss man klar benennen. Die Frage ist also: Was können wir tun, um diesen Eingriff so verantwortungsvoll wie möglich zu gestalten? Aurelis hat daher bei der Entwicklung Feuchtbiotope, Blühwiesen, Trockenmauern, Sandlinsen für Eidechsen, Totholzinseln und Insektenhotels eingeplant. Auch beim Sprinklertank wird geprüft, ob eine Begrünung möglich ist, um eine kleine Mikro-Oase zu schaffen.

Moderne Logistikstandorte müssen auch als Arbeitsorte funktionieren. Wie stark fließt das in Ihre Planung ein?

Sehr stark. Bei Nachhaltigkeit denken die meisten zuerst an das Gebäude oder den Energieverbrauch. Die Menschen, die dort arbeiten, sind allerdings auch wichtig. In Lorsch haben wir schon 2009, als noch kaum über Fahrerzufriedenheit gesprochen wurde, Sozialräume und Duschen für Fahrer vorgesehen. Auch in Groß-Rohrheim haben wir entsprechende Services eingeplant. Fahrer, die anliefern, sollen beispielsweise WLAN-Zugang haben. Viele sind fünf Tage pro Woche nicht zu Hause. Solche Dinge haben mit Respekt zu tun.

Außenfassade mit Rolltoren eines Logistikzentrums
Das Logistikzentrum in Groß-Rohrheim wurde im Juni an den Mieter übergeben.

Verändert der Arbeitsmarkt die Anforderungen an Logistikimmobilien?

Ja. Jedes Logistikunternehmen fragt sich heute, welche Prozesse automatisiert werden können. Dabei geht es nicht darum, Menschen zu ersetzen, sondern belastende oder nicht wertschöpfende Tätigkeiten zu reduzieren. Wer sieht, welche körperliche Leistung Kommissioniererinnen und Kommissionierer täglich erbringen, versteht, warum Entlastung wichtig ist. Für Alnatura stellt sich dabei immer die Frage, was zum Unternehmen passt. Unser Gründer sagt: Wir sind gewissermaßen die Ameise unter den Elefanten des Handels. Wir müssen also Lösungen finden, die auf unsere Größe und unsere Prozesse abgestimmt sind.

Welche Anforderungen an Logistikimmobilien, die heute noch nicht überall Standard sind, werden in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen?

Die Elektrifizierung der Flotten wird vieles verändern. Wir denken heute schon darüber nach, wie Ladeinfrastruktur in die Standortplanung einfließen muss. Gleichzeitig werden die Anforderungen an IT-Infrastruktur und Energieversorgung weiter steigen. Eine Halle, die das strukturell nicht abbilden kann, wird an Attraktivität verlieren. Für uns ist deshalb wichtig: Wie anpassungsfähig ist eine Fläche, wenn sich unsere Anforderungen in drei oder fünf Jahren weiterentwickeln?

Wie kam es konkret zum Projekt in Groß-Rohrheim?

Der Ausgangspunkt war ein Grundstück mit belastbarer planungsrechtlicher Perspektive in einer für uns strategisch sinnvollen Lage. Im Laufe des vergangenen Jahres haben wir das Projekt dann gemeinsam mit Aurelis weiterentwickelt und viele Details so optimiert, dass die Fläche zu unseren Prozessen passt. Das schafft man nur gemeinsam.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?

Wir haben auf beiden Seiten intensiv an den bestmöglichen Lösungen gearbeitet. Natürlich gibt es wirtschaftliche und technische Rahmenbedingungen. Der eine möchte bestimmte Anforderungen berücksichtigt sehen, der andere muss Machbarkeit und Vermietbarkeit im Blick behalten. Entscheidend war, dass wir am Ende immer eine Lösung gefunden haben, die für beide Seiten funktioniert.

Was nehmen Sie aus dem Projekt für weitere Immobilienvorhaben in der Zukunft mit?

Dass Logistikimmobilien heute nicht mehr als reine Zweckbauten gedacht werden sollten. Sie müssen Entwicklung ermöglichen, aber auch Mitarbeitende und Umwelt berücksichtigen. Für uns ist Groß-Rohrheim deshalb nicht einfach eine neue Halle. Der Standort zeigt, dass Logistikimmobilien heute mehr leisten müssen als reine Flächenbereitstellung. Sie müssen Prozesse unterstützen, Entwicklung ermöglichen und gleichzeitig Umwelt sowie Mitarbeitende mitdenken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zum Projekt in Groß-Rohrheim:

In Groß-Rohrheim (Südhessen) errichtet Aurelis für Alnatura ein rund 30.000 Quadratmeter großes Logistikzentrum inklusive Büroanteil. Die Fertigstellung ist bis zum zweiten Quartal 2026 vorgesehen. Das Areal liegt in der Schücostraße im Kreis Bergstraße, zwischen Darmstadt und Mannheim. Anschlüsse an die A 67 und A 5 befinden sich in der Nähe. Für das Projekt wird eine DGNB-Zertifizierung in Platin angestrebt.

Quelle Headerbild: Alnatura | Fotografin: Anna Sebestova